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Im Kings Canyon

Kurz vor 6 Uhr. Der Wecker klingelt. Wie sich bald herausstellen sollte, zu spät. In einer halben Stunde holt uns der Bus ab. Da bleibt nur wenig Zeit für ein Frühstück. Glücklicherweise können wir das Zelt und einen Teil des Gepäcks hier in Alice Springs lassen. In wenigen Tagen wollen wir ja wieder zurück kommen.

Pünktlich um halb sieben stehen wir an der Straße und warten auf den Bus von Wayward Bus, mit dem wir die nächsten drei Tage unterwegs sein werden. Nachdem alle Teilnehmer der Tour eingesammelt sind, geht’s über den Stuart Highway Richtung Süden. Ursprünglich sollte die erste Etappe ins Rainbow Valley gehen. Da aber die Zugangsstraße dorthin gesperrt ist, fahren wir direkt zum Kings Canyon.

Nach rund 200km erfolgt der erste Stopp bei „Jims Place“. Ein typisches Roadhouse entlang der Strasse. Drumherum nichts als Outback. Aber wenn man aufpasst, dass man nicht von dem Dingo gebissen wird, der in dem Lokal angekettet ist, kann man dort ganz ordentlich essen.

Als alle satt sind, geht die Fahrt weiter auf dem Highway. In Erldunda, rund 270 km südlich von Alice Springs, zweigt der Lasseter Highway nach Westen ab. Ihm folgen wir für weitere 110 km, um dann auf die Luritja Road nach Norden ab zu biegen. Von dort aus sind es noch weitere 160 km bis zum Kings Canyon.

Der Canyon liegt am Westende der George Gill Range im 72.200 ha großen Watarrka National Park. Gegen 15 Uhr kommen wir am Parkplatz an und machen uns an den Aufstieg zum Plateau. Der Wanderweg führt zunächst östlich des eigentlichen Canyons durch ein weites, offenes Seitental. Mit zunehmender Höhe tauchen auf der gegenüberliegenden Seite die ersten verwitterten Sandsteinkuppeln auf. Wegen ihrer Ähnlichkeit mit verfallenen Gebäuden wird diese Formation auch „Lost City“ genannt.

Der Aufstieg dauert nur rund eine halbe Stunde. Aufgrund der Hitze und der brüchigen Felsen, über die man läuft, ist er aber anstrengend. Belohnt wird man dafür von einem grandiosen Anblick. Die roten Felsen unter einem, immer wieder kleine und große Büsche und Bäume, die auf zum Teil winzigen Vorsprüngen wachsen. Und über allem ein weiter, blauer Himmel.

Noch beeindruckender aber ist der Anblick, der sich uns bietet, nachdem wir das Plateau überquert haben: Wir stehen am Rand der tiefsten Schlucht des Red Centre. Bis zu 270m tief eingeschnitten liegt der Kings Canyon vor uns. Wie mit einem Messer geschnitten sieht die Abbruchkante der Sandsteinfelsen aus. Nur kriechend kann man sich der Kante nähern. Es ist schwer abzuschätzen, ob man schon auf einem Überhang liegt, oder nicht. Und die vielen großen Felsbrocken tief unter uns zeugen davon, dass immer wieder Teile der Wände abbrechen.

Der Kings Canyon wurde in einem Zeitraum von über 400 Millionen Jahren geschaffen. Die Region des Canyon ist seit mindestens 20.000 Jahren besiedelt. Wie viele interessante Stellen in Australien hat auch der Canyon eine mythologische Bedeutung für die Aborigines.

Unten, am Grund des Canyons, erkennt man Wasserlöcher, von denen einige nie austrocknen. Eines davon ist der so genannte „Garten Eden“ im oberen Abschnitt des Canyons. Er hat eine einzigartige Vegetation. Viele der Pflanzenarten, wie zum Beispiel Palmfarne, sind ein Relikt aus einer früheren Epoche der Erdgeschichte und konnten sich nur in dieser geschützten Lage erhalten. Hier ist das Tal so eng und tief, dass die Sonne nie direkt hinein scheint. Aus diesem Grund herrscht hier ein kühleres und feuchteres Klima, egal wie heiß und trocken es in der Umgebung wird. Ein Abstecher in den Garten Eden lohnt sich auf jeden Fall. Am See ist es angenehm kühl und unwahrscheinlich ruhig.

Zum Abschluss des Tages genießen wir den Sonnenuntergang vom Rand des Plateaus aus. Es ist schon ziemlich dunkel, als wir mit dem Abstieg Richtung Bus und Parkplatz beginnen. Nach einer kurzen Fahrt sind wir im Camp und machen uns an die Vorbereitungen für das Abendessen.

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